Hintergrundinformation und Evidenz zum Projekt-Call 2020 "Wohlfühlzone Schule"

(Cyber)Mobbingprävetion als Schulentwicklungsaufgabe 

Das Wohlbefinden in der Schule und die daraus resultierende Ermöglichung nachhaltiger Aneignung von Bildung wird wesentlich vom Klassenklima/Schulklima und der Beziehung aller Beteiligten zu einander geprägt. Gewalt- und (Cyber-)Mobbingprävention besondere Aufmerksamkeit zu schenken, ist Grundvoraussetzung eines Lernraumes Schule, an dem ohne Angst gelebt und gelernt werden kann –  Ziel ist die Förderung ganzheitlicher Gesundheit – im Sinne körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens (vgl. Verfassung der WHO) – zur Ermöglichung einer förderlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Mobbing beeinträchtigt nicht nur dieses Wohlbefinden, sondern auch die soziale und emotionale Entwicklung, die Beziehungsqualität aller Beteiligten und verhindert das Entstehen bzw. Fortbestehen eines förderlichen Lernklimas. Mobbing führt oftmals auch zum Schulabbruch. Evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen können nachweislich zur Reduktion von Mobbing, zur Förderung von Gesundheit und zur Steigerung der Schulleistungen beitragen (nach einer Metastudie von Ttofi & Farrington, 2011; vgl. Wachs, Hess, Scheithauer & Schubarth, 2016, S. 159; vgl. auch Downes & Cefai, 2016, S. 33). 

Aus den Ergebnissen der internationalen HBSC (Health Behaviour in School-aged Children)-Studie ist bekannt, dass Mobbing in der Schule in Österreich ein besonders großes Problem war und ist (vgl. Felder-Puig et al., 2014, 2018). Dank zahlreicher Bemühungen von Seiten der Schulen, Schulbehörden und anderer Institutionen im Rahmen der Nationalen Strategie schulischer Gewaltprävention und darüber hinaus wurde an vielen Schulen mit Erfolg daran gearbeitet, präventive Maßnahmen einzuleiten. Aufbauend hierauf nachhaltige, angepasste Programme zur Prävention von (Cyber-) Mobbing durch spezifische Schulentwicklungsprozesse an den jeweiligen Schulstandorten einzuleiten, ist von besonderer Bedeutung.

Eine erweiterte Austragungsform von Mobbing findet sich durch die zunehmende Digitalisierung in sozialen Netzwerken, in der digitalen Lebenswelt. Cyber-Mobbing ist eine besonders intensive Form von Kränkung und Verletzung, da es sich nicht auf Mobbinghandlungen innerhalb der Schule beschränkt und die Kinder und Jugendlichen bis in ihr Zuhause verfolgt. Aus den Schulen wird berichtet, dass besonders Cybermobbing in den letzten Jahren an Brisanz zugenommen hat. Bedeutsam ist, dass Cybermobbing in den seltensten Fällen vom direkten sozialen Umfeld (Klasse, Schule etc.) abgegrenzt werden kann – Cybermobbing ist ein erweiterter Schauplatz von Mobbingformen in Präsenz. Daher ist es umso bedeutsamer, in schulspezifische Präventionsprogramme zu investieren, die dieser Entwicklung Rechnung tragen.

Im NESET II Report „How to Prevent and Tackle Bullying and School Violence“ werden evidenzbasierte Schlüsselfaktoren für zielgerichtete Präventionsarbeit identifiziert. Darunter sind neben systemischen Faktoren insbesondere soziale und emotionale Kompetenzen von Bedeutung, die auf die Beziehungsgestaltung und das Klassen- bzw. Schulklima wirken. Zentrale Elemente evidenzbasierter und nachweislich wirksamer Programme sind koordinierte Maßnahmen auf personenbezogener, sozialer bzw. klassenbezogener und struktureller Ebene. (vgl. S.37)

Eine Schule muss ein sicherer Ort sein, wo erfolgreiches Lernen und Lehren möglich ist, weil Angst und Gewalt keinen Platz haben. Die ungeteilte Anerkennung von Differenz und Vielfalt ist Basis pädagogisch fruchtbarer Beziehungen und Voraussetzung für die Aneignung von Bildung. An einem Schulstandort tragen alle Schulpartner zu einem leistungsförderlichen Klassen- und Schulklima bei und somit auch zur Senkung der Dropout-Rate. In der Prävention gilt es, eine Grundhaltung der Null-Toleranz bei Gewalt herzustellen, Wissen über die Dynamiken von Mobbingprozessen zu erweitern, Grenzen zu setzen und diese einzufordern, Verantwortlichkeiten klar zu kommunizieren, Vereinbarungen zu treffen und konsequent Schüler/innen und Pädagog/innen zu unterstützen sowie Eltern/Erziehungsberechtigte miteinzubeziehen. Der Fokus liegt auf personenbezogenen und systemischen Faktoren. In der Intervention braucht es gut kommunizierte, klare Vorgangsweisen zur Beurteilung der Vorkommnisse und transparente Eskalationsstufen. Darüber hinaus benötigt die Intervention eine Begleitung durch ein multiprofessionelles Team, das von einem Case Manager koordiniert wird. Es geht um Opferschutz und Handlungssicherheit im schulischen Alltag (vgl. Wallner, 2018).

Nachhaltige und effiziente Gewalt- sowie Mobbingprävention und Mobbingintervention bedarf eines zielgerichteten, auf den Schulstandort abgestimmten Schulentwicklungsprozess unter Berücksichtigung von professioneller Weiterentwicklung, Unterrichts- und Organisationsentwicklung.

Nutzen für die Schulen

„Mobbingprävention als Schulentwicklungsaufgabe bedeutet, Gelingensbedingungen von Bildungserwerb in einem angst- und gewaltfreien, institutionellen Rahmen zu schaffen. Dies bedarf systemischer Schulentwicklung und umfasst Unterrichtsentwicklung, Professionsentwicklung und Organisationsentwicklung. Auf allen Ebenen gilt es, Persönlichkeitsstärkung und soziale Kompetenz zu fördern.“  (Wallner, 2018, S.70)

Dass somit Gewalt- & Mobbingprävention sowie Grundlagen zur Ermöglichung von Bildungserwerb gleichermaßen gefördert werden, zeigt die NESET II Studie ‚Structural Indicators for Inclusive Systems in and around Schools‘: „Research shows that the well-being of schoolchildren plays a decisive role in their scholastic success. Accordingly, a school has to provide an environment that nurtures the well-being of its students.” (Downes et al., 2017, S.16)

Der Fokus richtet sich auf das Integrieren präventiver Konzepte, Modelle und Techniken in den Unterrichtsalltag – auf die Stärkung professioneller Arbeit von Lehrpersonen im Sinne der fachinhaltlichen und beziehungsgestaltenden Aufgaben von Pädagoginnen und Pädagogen. Es wird auf Vorhandenem aufgebaut. Prävention wird in die tägliche Unterrichtsarbeit eingebettet und als Bestandteil unterrichtender bzw. pädagogischer Arbeit verstanden. Vorbildwirkung, die Übernahme von Verantwortung und der Aufbau kooperativer Strukturen sind wesentliche Elemente.

Die professionelle Gestaltung von Beziehungen zum Aufbau eines (lern)förderlichen Schul- und Klassenklimas wirkt über das individuelle Wohlbefinden, die Möglichkeit sich einzubringen und viele weitere Teilfaktoren auch in großem Ausmaß auf die Ermöglichung schulischen Lernerfolgs. Evidenzbasierte gewaltpräventive Maßnahmen, die in dem Projekt zum Einsatz kommen können, dienen auch der Förderung der psychosozialen Gesundheit. (vgl. OECD, 2018, S. 9). 

Die im Projekt geförderte Vorgehensweise ist einem indirekten Präventionsmodell zuzuordnen. Ziel ist, die Beziehungsqualität zu stärken, klare Haltungen vorzuleben, Regeln und Vereinbarungen zu treffen – ein Klassen- und Schulmanagement basierend auf die Personen stärkende Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Diese Faktoren wirken lernförderlich und mobbingpräventiv in sozialen Strukturen und fördern die psychosoziale Gesundheit.

Teilnehmende Schulen erhalten im Rahmen des Projekts auf dem Weg zu einer evidenzbasierten, standortspezifischen Strategie zur nachhaltigen Förderung der psychosozialen Gesundheit und der Prävention von (Cyber-)Mobbing professionelle, inhaltliche sowie prozessuale Begleitung von Expert/innen.

Quellen und weiterführende Literatur

Alsaker, F. D. (2017). Mutig gegen Mobbing in Kindergarten und Schule. 2., unv. Aufl. Bern: Hogrefe Verlag.

BMBWF (Hrsg.) (2018). Mobbing an Schulen. Ein Leitfaden für die Schulgemeinschaft im Umgang mit Mobbing.

Cefai, C., Bartolo P. A., Cavioni. V, Downes, P., (2018). Strengthening Social and Emotional Education as a core curricular area across the EU. A review of the international evidence, NESET II report, Luxembourg: Publications Office of the European Union, 2018. doi: 10.2766/664439

Downes, P. & Cefai, C. (2016). How to Prevent and Tackle Bullying and School Violence: Evidence and Practices for Strategies for Inclusive and Safe Schools, NESET II report, Luxembourg: Publications Office of the European Union, 2016. doi: 10.2766/0799.

Downes, P., Nairz-Wirth, E., Rusinaitė, V. (2017). Structural Indicators for Inclusive Systems in and around Schools, NESET II report, Luxembourg: Publications Office of the European Union, 2017. Doi: 10.2766/200506.

ePOP (2014). Eine Materialiensammlung zur Förderung von Selbst- und Sozialkompetenz. Herausgeber: Österreichisches Zentrum für Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen (ÖZEPS). Wien, Linz.

Farrington, D. & Ttofi, M. (2011). Bullying as a predictor of offending, violence and later life outcomes.
In Criminal Behaviour and Mental Health, 21(2), 90–98.

Felder-Puig, R. et al. (2014, 2018). Österreichische HBSC Ergebnisse im internationalen Vergleich. Factsheets zu den HBSC-Erhebungen 2010 und 2014. Wien: BMG und BMASGK.

Felder-Puig, R. et al. (2018). Gewalttaten an österreichischen Schulen. Prävalenzen, Entwicklungen, Ursachen und benötigte Unterstützungsleistungen. Wien: IfGP.

Hofmann, F. (2008). Persönlichkeitsstärkung und soziales Lernen im Unterricht. Wien: Österreichisches Zentrum für Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen (ÖZEPS).

Jannan, M. (2009). Das Anti-Mobbing-Elternheft. Schüler als Mobbing-Opfer – Was Ihrem Kind wirklich hilft. 2. Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Jannan, M. (2010). Das Anti-Mobbing-Buch. Gewalt an der Schule – vorbeugen, erkennen, handeln. 3. Aufl. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Leimer, Ch. (2011). Vereinbarungskultur an Schulen. Wien: Österreichisches Zentrum für Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen (ÖZEPS).

ÖZEPS (2018). ÖZEPS cinema edu „Mobbing?“ – mit begleitendem Booklet. Herausgeber: Österreichisches Zentrum für Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen (ÖZEPS). Wien

Olweus, D. (2006). Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können. 4. Aufl. Bern: Huber.

Schubarth, W. (2013). Gewalt und Mobbing an Schulen: Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

Wachs, S., Hess. M., Scheithauer, H. & Schubarth, W. (2016). Mobbing an Schulen. Erkennen – Handeln – Vorbeugen. 1. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

Wallner, F., u.a. (2018). Mobbingprävention im Lebensraum Schule. Wien: Österreichisches Zentrum für Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen (ÖZEPS).

HBSC Studie 2014. Gesundheit und Gesundheitsverhalten von österreichischen Schülerinnen und Schülern. Ergebnisse des WHO-HBSC-Survey 2014

HBSC Studie 2018. Gesundheit und Gesundheitsverhalten von österreichischen Schülerinnen und Schülern. Ergebnisse des WHO-HBSX-Survey 2018

OECD-Studie (2018): Erfolgsfaktor Resilienz; Warum manche Jugendliche trotz schwieriger Startbedingungen in der Schule erfolgreich sind – und wie Schulerfolg auch bei allen anderen Schülerinnen und Schülern gefördert werden kann. Pisa-Sonderauswertung der OECD. Vodafone Stiftung Deutschland  

WHO-HBSC Study (2012): Social determinants of health and well-beeing among young people 

WHO-HBSC Study (2016): Growing up unequal

Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO)